Blackfacing

Werte Leserinnen und Leser,

falls Sie nicht im Thema sind: Unter „Blackface“ versteht man laut wikipedia eine „rassistisch geprägte Theater- und Unterhaltungsmaskerade“. Dabei malten sich weiße Künstler das Gesicht schwarz und spielten den „naiven, trunkenen, schwachsinnigen und immer fröhlichen Neger“, so wie vor allem nordamerikanische Weiße sich Schwarze vorstellten.

Inzwischen findet der Begriff in allen Situationen Anwendung, bei denen „Weiße“ sich „schwarz“ schminken, und so sehe ich mich erstmals in meinem Leben gezwungen, eine Lanze für die ZDF-Sendung „Wetten, dass…“ zu brechen, die dieser Tage das aktuelle Ziel der Blackface-Kämpfer wurde.

Was war geschehen? In der sogenannten Saalwette wurde vorgeschlagen, es mögen möglichst viele Zuschauer im Kostüm der bekanntesten Einwohner der Stadt zur Veranstaltung kommen. Da wir uns in Augsburg befinden, sind das offenbar die Marionetten Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer. Soweit, so gut.

Nun hat Jim Knopf allerdings in seiner Originalversion als Marionette ein rabenschwarzes Gesicht; hervorgerufen vermutlich durch eine große Menge matter Farbe, die auf den hölzernen Kopf aufgetragen wurde. Und so forderte der Wettpate (übrigens selbst als Marionette verkleidet) die Zuschauer auf, den Jim möglichst lebensecht darzustellen, indem sie sich schwarze Schuhcreme, Kohle oder ähnliches ins Gesicht schmieren mögen.

Ich lasse mal dahingestellt, ob solche Mittel tatsächlich zur Aufbringung auf die Gesichtshaut gedacht sind und nicht vielleicht eine Menge Pickel verursachen. Aber da war er, der Shitstorm für Markus Lanz und seine Blackfacing-Wette. Denn seit die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland uns über den rassistischen Charakter des Schwarz-Anmalens aufgeklärt hat, wissen wir, dass nicht nur Sprache, sondern auch Schminke rassistisch sein kann, wenn sie auf der falschen Hautfarbe aufgetragen wird.

Die Aktivisten beklagen sich, dass auf deutschen Bühnen immer noch Schwarze durch schwarz angemalte Weiße dargestellt würden. Zuletzt bekam das Berliner Schlossparktheater 2012 deren Zorn zu spüren. Die Kritik einer Organisation namens bühnenwatch zeigt aber auch des Pudels eigentlichen Kern:

Wenn ein weißer Schauspieler sogar einen Schwarzen darstellen kann, warum kann dann ein schwarzer Schauspieler keinen Romeo spielen, keine Julia darstellen, oder Hamlet? Was in anderen Ländern wie den USA bereits seit Jahren gang und gäbe ist, ist in Deutschland immer noch eine Ausnahmesituation.

Man mag sich nun aber die Rollen der Schwarzen in den klassischen Theaterstücken ein wenig genauer ansehen. Selbst Shakespeares Frontmann Othello wird uns als fremdartig und hässlich beschrieben – und als „Mohr“ bezeichnet. Was ist mit dem weitgehend unbekleideten Schwarzen bei Wilhelm Busch, den der Affe Fips vor allem wegen seines Rings an der Nase herumführen kann? Oder Jim Knopf, der als Baby in einem Paket geliefert wird und den Namen Jim erhält, weil er „genauso aussieht“?  Selbst wenn man die Rollen farbtechnisch „richtig“ besetzte, bleibt doch der rassistische Geruch der Rolle selbst bestehen. Und damit kein Ende: Bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg sind die Indianerrollen mit rot angemalten Weißen besetzt!

Liebe Blackface-Shitstormer, eine Jim-Knopf-Maske ist kein lohnendes Beispiel für Rassismus, wie es grundsätzlich das Verkleiden und Maskieren nicht ist. Im Gegensatz zum echten Blackfacing im 19. Jahrhundert in den USA haben die Jim-Knopf-Darsteller auf Lanz‘ Bühne ihre Maske aus Spaß und nicht aus Hass getragen. Wenn Ihr kämpfen wollt, dann bitte gegen die rassistischen Theaterstücke selbst. Aber vergesst deren historischen Kontext nicht – nur weil wir heute ach so integrativ und antirassistisch sind, gilt das noch lange nicht für unsere Vergangenheit.

Es grüßt herzlich

Ihr JL7

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Ein Kommentar zu Blackfacing

  1. Hallo,

    aus Zeitgründen sei nur darauf hingewiesen, das Blackface nicht aus „Hass“ geschehen muss, um rassistisch zu sein. Hass und Spaß Bzw Humor liegen bei Rassismus immer gefährlich nah beieinander und schließen sich gegenseitig nicht aus. Nur weil es spaß macht, heißt das noch lange nicht, dass eine Horde weißer Leute mir Dreck im Gesicht, die einen kleine Schwarzen Jungen darstellen sollen, weniger traumatisierend z.B. auf echte kleine Schwarze Jungen wirken. Ich frage mich wirklich, was da in Deutschland schief läuft, dass Menschen die Entwürdigung und Entmenschlichung, die sie betreiben, nicht fähig sind zu erkennen, wenn alle anderen es können.

    Die Kritik an rassistischen Darstellungspraxen, und die Kritik an rassistischen Inhalten schließt sich übrigens auch nicht gegenseitig aus, nur scheinen die meisten hier ja bereits mit einem von beidem vollends überfordert zu sein.

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