Und jetzt nochmal „für alle“

Werte Leserinnen und Leser,

wie es aussieht, wird morgen plötzlich und unerwartet die Ehe auch für Schwule und Lesben möglich. Seit Volker Beck seinen Grünen das Thema vor zwei Wochen auf die Agenda für mögliche Koalitionsverhandlungen gesetzt hat, haben sich die anderen Parteien links von der CDU ebenfalls deutlich positioniert: in der kommenden Legislaturperiode sollte es kommen, das Gesetz, das Schwule und Lesben nicht mehr in eine Sonderform des Zusammenlebens zwingt.

Merkel hatte für die CDU/CSU einen Plan, da sich der Lauf der Dinge ja nun offensichtlich nicht weiter aufhalten ließ. Eine ABstimmung nach dem Gewissen nach längerer Diskussion, bei der die CDU/CSU-Abgeordneten dann mit Anstand unterliegen. Vorher, bei den Koalitionsverhandlungen hätte man sich das „Ja“ zu diesem Plan noch teuer abkaufen lassen, durch Zugeständnisse für wirre CSU-Ideen beispielsweise (im Sinne der Ausländermaut, der Betreuungsgeld-Herdprämie oder der Mövenpick-Steuer).

Doch dann verplapperte Merkel sich bei einem lockeren Termin der Zeitschrift Brigitte, und dann ging alles ganz schnell: am Freitag (30. Juni), zur letzten Tagung des Bundestags vor der Sommerpause und den Wahlen, soll nun ein bereits fertiges Gesetz des Landes Rheinland-Pfalz mit den Stimmen von Linken, Grünen, SPD und einigen CDU-Abgeordneten beschlossen werden.

Und dann begann der Kulturkampf des kleinen Bürgers. Natürlich berichteten die großen Zeitungen online darüber, und natürlich füllten sich die Kommentarbereiche im Sekundentakt mit homophoben Absurditäten und Beleidigungen. Der Tenor all dieser Kommentare rückwärtsgewandter Menschen („konservativ“ trifft es hier nicht) ist letztlich dieser: „Denen gönnen wir das nicht.“

Man kann sicher diskutieren über die Frage des Adoptionsrechts, aber es hilft nun einmal nichts: Lesben und Schwule sind biologisch genauso in der Lage wie Heteros, Kinder zu bekommen, nur eben nicht mit dem gewählten Partner. Sie haben bereits Kinder. Dass heute viele Kinder ohne Ehe oder auch ganz ohne den einen oder anderen Elternteil aufwachsen, wird ausgeblendet, denn Hetero-Eltern stehen ja nicht im Verdacht, ihre Kinder schwul umzuerziehen. Und Pädos sind hetereosexuelle Eltern ja auch nie, auch wenn die Kriminalstatistik es komplett anders sieht.

Hier stellt sich umgekehrt übrigens die Frage, welchen Einfluss es auf das schwule oder lesbische Kind haben mag, in einem heterosexuellen Elternhaus aufzuwachsen und seine eigene Persönlichkeit zu verleugnen – zumindest bis zum Coming-Out, das heute bedeutend leichter ist als noch vor 20 Jahren.

Nicht diskutieren kann man aber über die Frage der Privilegien. In der FAZ schreibt sogar ein führender Redakteur über die Abwertung und Beliebigkeitswerdung der Ehe, wenn sie geöffnet wird. Nun ja, ein Privileg ist tatsächlich keines mehr, wenn es allen zusteht, so ist das. Dass aber immer wieder der Ruf nach der Abschaffung des Ehegattensplittings erschallt, mag dann doch verwundern, denn das trifft ja zuerst die Hetero-Ehen und -Familien. Zur Klarstellung: es existieren keine Steuervorteile für Ehepartner ohne Kinder. Das Ehegattensplitting dient lediglich dazu, alle Ehepaare steuerlich gleich zu stellen, egal, ob nun ein Partner alles oder beide je die Hälfte zum Gesamtverdienst beitragen. Was vielen der homophoben Schreihälse gar nicht bewusst ist: dieses „Privileg“ hat das BVerfG schon 2013 gekippt, und zwar rückwirkend bis 2001, dem Datum der Einführung der eingetragenen Lebenspartnerschaft.

Eine dritte Gruppe sieht in der Gleichstellung eine Entwertung des heiligen Sakraments der Ehe, eines Bundes zwischen Mann und Frau. An diesem christlichen Symbol und der kirchlichen Ehe wird aber gar nicht gerüttelt (jedenfalls nicht am Freitag). Die Zivilehe, in Deutschland seit dem Ende des 19. Jahrhunderts üblich und vor dem Standesamt geschlossen, ist aber gar kein Sakrament, auch kein heiliger Altar, sondern ein ziviler Vertrag zwischen zwei Menschen. Beides, das kirchliche Sakrament und der zivile Vertrag, tragen den Namen „Ehe“. Und nur der zivile Vertrag kann und soll vom Gesetzgeber erweitert werden. Das darf er – und keiner der vielen Götter, die sich die Menschen ausgedacht haben, wird ihn daran hindern.

Würden all die Schreihälse sich einmal mit den Fakten beschäftigen, statt immer noch ihr Arschgefühl Bauchgefühl zu befragen, wäre der Sache schon gedient. Aber solange diese ca. 20% das nicht tun und sogar noch überproportional durch Abgeordnete im Bundestag repräsentiert sind, bleibt nur der harte Schnitt, jetzt und sofort. Dann werden sie sehen, dass die Öffnung des Wortes Ehe keinen Einfluss darauf haben wird, dass Frau-Mann-Paare weiterhin heiraten und Kinder bekommen werden. Dass Kinder weiterhin in guten (und leider manchmal auch sehr schlechten) Verhältnissen aufwachsen. Dann wird es irgendwann auch nicht mehr wichtig sein, welches Geschlecht der Partner hat, und Eltern werden nicht mehr nur vor der Geburt gespannt sein, welches Geschlecht sich ihr Kind ausgesucht hat.

Es grüßt herzlich

Ihr JL7

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