{"id":3640,"date":"2017-02-02T16:15:40","date_gmt":"2017-02-02T15:15:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennecke.org\/?p=3640"},"modified":"2018-05-14T09:00:53","modified_gmt":"2018-05-14T08:00:53","slug":"wer-sorgt-fuer-die-soziale-absicherung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennecke.org\/?p=3640","title":{"rendered":"Wer sorgt f\u00fcr die soziale Absicherung?"},"content":{"rendered":"<p>Werte Leserinnen und Leser,<\/p>\n<p>wie \u00fcblich wird mit dem Fortschreiten der Ideen zur Verbesserung des Gemeinwesens die Aktivierungskurve immer steiler. Ein <a href=\"http:\/\/www.brennecke.org\/?p=3626\">Losverfahren zur B\u00fcrgerbeteiligung<\/a> ist einfach zu etablieren und kostet wenig. Ein <a href=\"http:\/\/www.brennecke.org\/?p=3632\">bedingungsloses Grundeinkommen <\/a>mit negativer Einkommensteuer wirbelt die bisherige Steuer- und Sozialgesetzgebung derart durcheinander, dass man es wohl nur probeweise einf\u00fchren w\u00fcrde, wie es derzeit die Finnen und Schweden tun.<\/p>\n<p>Der Logik folgend kommt nun also der dritte und komplexeste Teil meiner Vorschl\u00e4ge: die soziale Einbettung der Automatisierung. Denn hier geht es um die Frage, wieviel Geld man verdienen darf und welche soztiale Verantwortung man daf\u00fcr \u00fcbernehmen muss.<\/p>\n<p>Fangen wir mit einem ganz einfachen Beispiel an: Eine Firma besch\u00e4ftigt 100 Mitarbeiter, die die Teile eines Produkts von Hand zusammensetzen. Die Direktion beschlie\u00dft nun, die Produktion weitgehend zu automatisieren und ben\u00f6tigt zuk\u00fcnftig nur noch zehn Mitarbeiter &#8211; 90 werden entlassen und erhalten f\u00fcr ein Jahr ALG1. Das ist Geld aus einer Sozialversicherung &#8211; die Arbeitnehmer haben eingezahlt und daher einen Anspruch erworben. W\u00e4hrend ihrer Arbeitslosigkeit zahlen sie jedoch keine weiteren Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge mehr; dies gilt auch f\u00fcr ihre Rentenversicherung.<\/p>\n<p>Und unsere Firma? Sie produziert g\u00fcnstiger und darf die neu angeschafften Maschinen mehrere Jahre abschreiben und muss daher weniger Steuern zahlen. Die Gemeinschaft ist &#8211; vereinfacht dargestellt &#8211; zweimal bestraft: einmal durch geringere Einnahmen der Sozialkassen, zum anderen durch geringere Gewerbesteuereinahmen. Gewinner sind die Eigner der Firma, denn ihre Produktionskosten sinken, w\u00e4hrend der Preis des Produkts (gew\u00f6hnlich) derselbe bleibt.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte nun sagen, so funktioniert der Kapitalismus. Aber muss das so sein? Denken wir das ganze doch einmal bis zum Ende und machen daher eine kurze Zeitreise in das 24. Jahrhundert auf das Raumschiff Enterprise. Dort arbeitet der Androide Data als Br\u00fcckenoffizier. Er nimmt am Gemeinwesen teil, nutzt Holodeck und die Bar Zehn Vorne, hat ein eigenes Quartier mit einer f\u00fcr ihn entworfenen Computerkonsole. Er ist eine Maschine, aber es wird im Laufe der Serie klar, dass er dieselben Rechte und Pflichten hat wie seine menschlichen Kollegen. Es ist nicht v\u00f6llig konsistent, wie im 24. Jahrhundert Arbeit bezahlt wird &#8211; aber wenn seine menschlichen Kollegen weiterhin Gehalt beziehen und Einkommensteuer und Sozialversicherung bezahlen, dann werden diese Regeln doch wohl auch f\u00fcr ihn gelten?<\/p>\n<p>Zur\u00fcck ins Jahr 2017 und zum Thema. Die offensichtlich resultierende Frage lautet also: Warum bezahlen Maschinen keine Steuern und Sozialversicherung? Sie helfen mit, Ertr\u00e4ge zu erzielen, sie nehmen Arbeitspl\u00e4tze ein, die zuvor von Menschen besetzt waren. Sie m\u00f6gen heute nicht so intelligent wie Commander Data sein, aber dennoch: sollte man sie nicht auch heute schon an der Finanzierung des Gemeinwesens beteiligen?<\/p>\n<p>Bevor wir uns anschauen, wie eine solche Beteiligung aussehen k\u00f6nnte, ein paar Worte zur Wichtigkeit dieses Themas: Nachdem die multinationalen Konzerne den Faktor &#8222;menschliche Arbeitskraft&#8220; von den Industriestaaten zun\u00e4chst nach Osteuropa und S\u00fcdamerika, dann nach Indien und China und schlie\u00dflich in aufstrebende kleine Fernoststaaten verlagert haben, sind wir hier weitgehend am Ende der Fahnenstange angekommen. Die Welt kennt keine noch entlegeneren Pl\u00e4tze; damit wird von Menschen Arbeit nicht mehr billiger, sondern nur noch teurer &#8211; nicht zuletzt auch deswegen, weil in den Billiglohnl\u00e4ndern eine Mittelschicht entsteht, die f\u00fcr anst\u00e4ndige Arbeit angemessene Bezahlung erwartet, wie es in den Industriel\u00e4ndern seit Jahrzehnten \u00fcblich ist.<\/p>\n<p>Daher bietet sich zur weiteren Optimierung der Gewinne der Konzerne die Automatisierung der Produktionsprozesse an. Exoerten sind sich einig, dass dieser Prozess in den n\u00e4chsten 20 Jahren gr\u00f6\u00dfere Umbr\u00fcche der Weltwirtschaft mit sich bringen wird. Es werden weitaus mehr Arbeitspl\u00e4tze wegfallen als neue entstehen. Die Umw\u00e4lzungen werden vor allem den Billiglohnsektor treffen, wohingegen gut ausgebildete Fachkr\u00e4fte zun\u00e4chst weiterhin gefragt sein werden.<\/p>\n<p>Nun ist das zun\u00e4chst keine schlechte Nachricht. Wer die Science-Fiction-Literatur in der Mitte des 20. Jahrhunderts kennt, dann ist dort der positive Blick in die Zukunft immer mit einem Mehr an Freizeit verkn\u00fcpft, weil Maschinen unsere Arbeit tun. Wenn wir aber andererseits das bestehende System &#8222;Geld gegen Arbeit&#8220; beibehalten, dann f\u00fchrt diese Entwicklung ganz automatisch zur Entstehung eines gro\u00dfen, weltweiten Prekariats &#8211; Menschen, die nur minimale Eink\u00fcnfte haben und keine Chance, jemals ein besseres Leben zu f\u00fchren. Betrachtet man auf der anderen Seite das anhaltende\u00a0 Bev\u00f6lkerungswachstum, dann sollte sich man vor den 50er Jahren dieses Jahrhunderts durchaus schon einmal vorsorglich f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zum Thema: Das vorhin genannte Beispiel der Firma mit 100 bzw. 10 Mitarbeitern kann sehr einfach in ein neues Modell \u00fcberf\u00fchrt werden. Zwar spart die Firma die Geh\u00e4lter f\u00fcr 90 Mitarbeiter, sie sollte aber zumindest Sozialabgaben f\u00fcr diese 90 Mitarbeiter abf\u00fchren &#8211; und zwar vollst\u00e4ndig, also Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil. Damit w\u00e4ren die Sozialkassen (Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung) weitgehend unabh\u00e4ngig von den Verwerfungen einer Vierten Industriellen Revolution.<\/p>\n<p>In der Realit\u00e4t ist das ganze nat\u00fcrlich weitaus komplexer, weil eben nicht immer ohne weiteres klar ist, wie viele Arbeitspl\u00e4tze durch Automatisierung verloren gehen. Was, wenn ein Automobilkonzern ein neues, automatisiertes Werk er\u00f6ffnet, in dem zuvor gar keine Mitarbeiter besch\u00e4ftigt waren? Was, wenn eine Internet-Firma mit Softwarecode gigantische Gewinne macht, aber nur zehn Mitarbeiter besch\u00e4ftigt?<\/p>\n<p>Man sieht schnell, dass die erforderlichen Ma\u00dfnahmen nur sinnvoll umsetzbar sind, wenn sie weitgehend weltweit geschehen. Denn letztlich l\u00e4uft die Frage einer reproduzierbaren Vergleichbarkeit zwischen Arbiet und Automatisierung auf eine hohe Besteuerung der weltweiten Unternehmensgewinne hinaus. Eine Kalkulationsgrundlage k\u00f6nnte ein Abw\u00e4gen der Kosten f\u00fcr Mitarbeiter (bzw. deren Sozialversicherungsaufwendungen) und der Unternehmensums\u00e4tze sein. Ein Unternehmen d\u00fcrfte dann f\u00fcr jeden Mitarbeiter einen Freibetrag vom erzielten Unternehmensumsatz abziehen &#8211; der Rest w\u00fcrde dann zur Zahlung von Sozialversicherungsabgaben herangezogen. Unternehmen mit hohem Einsatz menschlicher Arbeitskraft w\u00fcrden dabei wenig zahlen, Unternehmen mit hoher Automatisiserung oder hohem Umsatz bei geringem Personaleinsatz w\u00fcrden stark belastet.<\/p>\n<p>Ein paar Beispiele hierzu: Ein kleiner mittelst\u00e4ndischer Betrieb mit einer Produktionsst\u00e4tte in Europa und einer durchschnittlichen Pro-Kopf-Rendite k\u00e4me mit geringen bis gar keinen Zahlungen davon. Ein Unternehmen wie google, das seine hohen Ums\u00e4tze (und auch Gewinne) mit relativ geringem Personalaufwand erzielt, w\u00fcrde stark zur Kasse gebeten werden. Ein Automobilkonzern w\u00fcrde Sozialabgaben anhand seiner Ums\u00e4tze abf\u00fchren m\u00fcssen, nicht anhand seiner Mitarbeiter. Im Gegenzug d\u00fcrfte er allerdings automatisieren, was das Zeug h\u00e4lt. Die ehemaligen Mitarbeiter h\u00e4tten dann nach wie vor keinen Arebeitsplatz mehr &#8211; aber hier verweise ich auf den Vorg\u00e4ngerartikel zum bedingungslosen Grundeinkommen, das dann ebenfalls an die neue Lage angepasst werden m\u00fcsste und vielleicht zu einer weiteren Sozialversicherungss\u00e4ule f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Man kann dieses Modell auch als gelebte Umverteilung betrachten, und vom Unternehmerstandpunkt aus ist sicher auch der Begriff &#8222;Sozialismus&#8220; nicht fern. Letztlich diskutieren wir aber die Frage, wie wir ein Zusammenleben von 10 Milliarden Menschen in einer Weise gew\u00e4hrleisten wollen, die nicht in Verteilungsk\u00e4mpfen, Populismus, Diktatur oder Oligarchie endet. F\u00fcr mich ist es ist letztlich nur eine Frage der Zeit, bis die jetzige Situation (x Menschen geh\u00f6ren 80% des Reichtums der Erde mit einem immer kleiner werdenden x) eskaliert und in globale Gewalt und Terrorismus m\u00fcndet. Was wir derzeit in Bezug auf Krieg und Terrorismus erleben, ist dagegen wahrscheinlich ein Kinderfilm, freigegeben f\u00fcr Sechsj\u00e4hrige.<\/p>\n<p>Es ist klar, dass inbesondere dieser dritte Vorschlag so tief in unser Gemeinwesen eingreift, dass er nur multinational umzusetzen w\u00e4re und dabei auf erhebliche Gegenwehr sto\u00dfen w\u00fcrde. Es ist auch klar, dass die Details einer Umsetzung extrem komplex sein werden. Aber soweit sind wir ohenhin noch nicht: es geht zun\u00e4chst einmal darum, den Menschen die Risiken der kommenden Umw\u00e4lzung durch Automatisierung zu verdeutlichen und Diskussionen zu entfachen. Nur eines sollte uns klar sein: die Vierte Industrielle Revolution steht uns direkt bevor. Wenn wir nichts tun und alles seinen weiteren Gang wie bisher geht, werden alle die Verlierer sein.<\/p>\n<p>Es gr\u00fc\u00dft nachdenklich<\/p>\n<p>Ihr JL7<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_3640 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_3640')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_3640').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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