Die Berliner Senatstrotzköpfe

Werte Leserinnen und Leser,

der Berliner Senat ist offenkundig sauer. Da hat man sich zunächst vom Verwaltungsgericht erklären lassen müssen, dass das Verbot für die Anti-Corona-Demo den nötigen Anforderungen nicht genüge, und dann muss man sich noch vorwerfen lassen, dass man nur drei Polizisten zum Schutz des Reichstags eingesetzt habe. Zu der Demo selbst ist überall sonst alles gesagt, nicht aber zum heutigen Beschluss des Berliner Senats.

Ob die Maskenpflicht für Demos, die künftig zu befolgen ist, sinnvoll ist oder nicht, ist eine müßige Diskussion. Die einen verweisen auf frühere Demos und nicht vorhandenen Einfluss auf das Infektionsgeschehen, die anderen fühlen sich sicherer, wenn alle eine Maske tragen. Sofern niemand auf die Idee kommt, dieselbe Maskenpflicht jetzt auf die Öffentlichkeit insgesamt auszudehnen, wird man für eine Weile damit leben können.

Nebenbei hat sich die Berliner Gesundheitssenatorin Kalayci aber im Rahmen der aktuellen Trotzreaktion des Senats etwas Besonderes ausgedacht: In den Berliner Restaurants, die ja schon eine Weile in der Kritik stehen wegen ihres (tatsächlich) lockeren Umgangs mit den geforderten Kontaktlisten, müssen nun auch die Gäste 50€ bezahlen, wenn sie falsche Angaben in den Corona-Kontaktlisten machen. „Micky Maus„, „Donald Duck“ und „James T. Kirk“ sind – da liegt Frau Kalayci wohl richtig – eher unwahrscheinliche Gäste in Berliner Restaurants. Immerhin: Kirk soll 1986 einmal in einer Pizzeria in San Francisco gesehen worden sein…

Aber zurück zum Strafzettel für Restaurantbesucher. Man darf gespannt sein, wie so ein Vergehen nun wieder kontrolliert werden soll – etwa durch unangemeldete Kontrollen während des Essens, wenn die Leute derzeit nicht mal einen Ausweis dabei haben müssen? Oder nachträglich durch Daktyloskopie, Darmspiegelung und Zeugenbefragung, wer gesehen hat, dass sein Nachbar einen falschen Namen aufgeschrieben hat? Die Variante der Esoteriker, wir seien sowieso alle gechippt, lasse ich mal als unrealistisch außen vor. Nun werden dieselben Leute wohl statt „Micky Maus“ Realnamen verwenden wie „Maik Mauser“ oder „Donald Trump“, der nach Ansicht einer verwirrten Esoterikerin am Samstag ebenfalls in Berlin gelandet war, worauf sie den „Sturm auf den Reichstag“ ausrief, dem die anwesenden Nazis nur zu gerne folgten.

Mit falschen Realnamen und erfundenen Straßennamen kommt man dann aufseiten der Behörden auch nicht weiter – besser wäre es gewesen, den Leuten zu garantieren, dass die Polizei oder andere Dritte keinen Zugriff auf die Corona-Kontaktlisten bekommen. Denn genau das ist wohl für viele der Anlass gewesen, statt ihrer eigenen Namen lieber andere einzusetzen.

Merke: Eine Verordnung, die sich nicht durchsetzen lässt, ist das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt wird. Dieser Berliner Senat (mit den SPD-Größen Müller, Geisel und Kalayci) wird das wohl nicht mehr lernen – vielleicht aber der nächste, der im Oktober 2021 gewählt wird.

Es grüßt herzlich

Ihr JL7

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Rezo und die FAZ

Werte Lesesrinnen und Leser,

erinnern Sie sich noch an die „Zerstörung der CDU“ im vergangenen Jahr, veröffentlicht von einem Youtuber, dessen Spezialität sonst eher Spaß-Videos sind? 15 Millionen Abrufe hat dieses Video, und Rezo legt dort, belegt durch viele Quellen, sehr eindeutig das Versagen von Politikern bei Klimawandel, Internet und anderen Themen dar. Zum Schluss warnt er eindeutig, keine Parteien zu wählen, die diese Themen in der gezeigten Art bearbeiten oder interpretieren. Das waren im wesentlichen CDU, SPD, AfD und FDP – also alles jenseits diesseits der Mitte.

Es gab viele Berichte – manche positiv, manche negativ, manche überschwänglich, manche verurteilend und einige schlicht neutral. Und es gab die FAZ. Dort sitzt der Innenpolitikchef Jasper von Altenbockum. Leser dieses Blogs kennen ihn bereits als „meinen politischen Südpol“, weil meine politische Kompassnadel immer von ihm weg zeigt.

Jaspe von Altenbockum ist – das darf man anhand einer Vielzahl einschlägiger Kommentare sicher sagen – ein großer Freund einer CDU-geführten Regierung. Es kommt dabei nicht so sehr auf den Inhalt an – Hauptsache CDU. Da werden dann auch schon mal absurde Dinge verteidigt, weil sie von einem CDU-Politiker stammen. Aber se es drum, hier geht es speziell um Rezo und die „Zerstörung der CDU“. Sowas konnte Herr von Altenbockum nicht auf sich sitzen lassen. Also recherchierte er. Naja. Und zweifelte die Korrektheit der Rezo-Quellen an. Und zweifelte an, dass Rezo unabhängig sei. Und unterstellte ihm, von den Grünen finanziert zu sein über den Umweg einer Werbefirma. Und überhaupt sei auch Youtube werbefinanziert. Und überhaupt. Und.

Leider sind alle seine Kommentare inzwischen hinter einer Paywall. Aber auch die Überschriften und die Linkbezeichnungen sagen eine Menge:

Dazu noch ein Artikel eines FAZ-Kollegen, in dem Rezo vorgeworfen wird, das Video durch Dritte finanziert zu haben:

Auf twitter lieferte sich Jasper von Altenbockum ein Gefecht mit Rezo und stellte dabei weitere Unwahrheiten auf. Auf diese in Phoenix-TV in einer Talk-Runde angesprochen, leugnete er sie: „Wo habe ich gelogen?“. Nach der Europawahl 2019 kehrte Ruhe ein, aber verwundenw ar die Schmach wohl nicht, denn als Rezo vor kurzem ein neues Video mit dem Titel „Die Zerstörung der Presse“ online stellte, drehten bei der FAZ die Räder wieder hohl. Denn Rezo hatte in seinem Video Fehler der Presse aufgezählt und dabei die Berichterstattung über sich im Jahre 2019 als Beispiel genommen.

Klar, was dabei herauskam: über 50% der Aussagen über Rezo in der FAZ seien falsch, sagte Rezo. und wie beim ersten Mal, unterlegte er seine Aussagen mit Quellen und einer umfangreichen Dokumentation, die jedem zugänglich war, der sie lesen wollte. Das ist bei den Mitteln, mit denen der Innenpolitikchef von Altenbockum und sein Medien-Spezialist Michael Hanfeld gegen Rezo gekämpft haben, kaum verwunderlich. Hier eine Kostprobe:

Klar, dass die FAZ das nicht auf sich sitzen lassen konnte. Als erwachsener Player auf dem Medienmarkt hätte sie erklären können:

Ja, wir haben da im Umgang mit dem neuen Medium der Influencer den einen oder anderen Fehler gemacht. Aber wir arbeiten täglich an uns und werden besser. Und diese 50% kommen garantiert nicht mehr vor. Versprochen.

Da hätten wir anerkennend genickt. Aber hey, die Welt tickt nicht so. Sie tickt so:

Der Youtuber Rezo verbrämt eine persönliche Abrechnung als aufklärerische Medienkritik – und bedient sich dabei genau der manipulativen Techniken, die er zu entlarven vorgibt. […] Rezo hat sich wieder einmal zu Wort gemeldet. Mit seinem Video „Die Zerstörung der Presse“ will er angeblich auf Missstände in der deutschen Medienlandschaft hinweisen, die er als mitverantwortlich für den Glauben an Verschwörungstheorien ansieht. Was unter dem Deckmantel der Aufklärung daherkommt, ist in Wahrheit ein Stück Meinungsmache in eigener Sache, bei dem Rezo ebenjene manipulativen Tricks und Kniffe üppig einsetzt, die er zu entlarven vorgibt.

Und dann liest man einen Artikel, in dem wieder kräftig vom Leder gezogen wird. Kein Wort davon, dass von Altenbockum den einen oder anderen oder ganz viele Fehler gemacht hat. Kein Wort davon, dass man falsche Verdächtigungen gedruckt hat. Ein schickes Video hat man gleich dazu gedreht. Und man hat – eigene Sicht – alles richtig gemacht.

Die Kommentierung des Ganzen hatte man dann lieber nicht an Jasper von Altenbockum gegeben, das blieb seinem Kollegen Constantin van Lijnden in einem zehnseitigen (!!) Bericht vorbehalten, dessen Fazit ich hier zitiere:

Rezos Behauptungen über angebliche Fehler in unserer Berichterstattung sind zum Großteil unrichtig und betreffen im Übrigen Marginalien, die wir inzwischen korrigiert haben. An vielen Stellen reißt Rezo einzelne Sätze aus dem Zusammenhang und interpretiert kritische, aber selbstverständlich zulässige Meinungsäußerungen unserer Autoren als (angeblich unwahre) Tatsachenbehauptungen. Es ist somit nicht verwunderlich, dass ausgerechnet diejenige Zeitung, die Rezo und sein CDU-Video 2019 wohl am häufigsten und heftigsten kritisiert hat, in seiner Statistik die höchste Quote solcher angeblichen „Fehler“ aufweist – wobei bei der Berechnung dieser Quote auch zahlreiche weitere verfälschende Effekte hinzutreten, die eingangs dargestellt wurden.

[…]

So war die auf Twitter erfolgte Äußerung des Innenpolitikchefs dieser Zeitung, Rezo habe sein Video „Die Zerstörung der CDU“ für einen Werbekonzern gedreht, der im Impressum seines Youtube-Kanals genannt wird, zwar eine irrige Vermutung bzw. irreführende Behauptung, aber sicherlich keine Verschwörungstheorie. Absicht des Tweets war eigentlich, auf ein Interview-Porträt über Rezo aufmerksam zu machen, in dem Rezo selbst auf die Gefahren hinweist, denen er sich aussetze, wenn er „Wahlwerbung“ betreibe: Ihm sei sehr bewusst, so hieß es in dem Text von 2017, dass er seine jungen Fans „manipulieren“ könne. Der Artikel war allerdings in einem dubiosen, weil verschwörungstheoretisch orientierten Video eingeblendet worden, das der Tweet verlinkte. Auch deshalb wurde der Tweet binnen weniger Tage gelöscht. Dass er gleichwohl noch ein Jahr später zitiert wird, um den Innenpolitikchef und mittelbar die ganze Zeitung in Misskredit zu bringen, spricht für sich.

Im Übrigen fällt es schwer, das angeblich noble Ziel des Videos ernst zu nehmen, wenn Rezo eben jene manipulativen Techniken, die er zu entlarven vorgibt, zugleich selber einsetzt, um rufschädigende Unwahrheiten gerade über das Medium zu verbreiten, das besonders kritisch über ihn berichtet hat.

[…]

Das Video und seine Rezeption sind somit tatsächlich ein gelungenes Lehrstück über Mechanismen der Meinungsmache und Manipulation zum eigenen Vorteil – allerdings nicht in dem von Rezo beabsichtigten Sinne.

Damit war es der FAZ aber nicht genug. Heute erschienen nun „Letzte Worte an Rezo„, eine „Antwort der Redaktion“. Darin werden noch einmal die der Redaktion wichtigsten Punkte aufgezählt – von der Entgleisung Jaspers von ALtenbockums wird aber nicht mehr gesprochen. Ich zitiere wieder das Fazit:

Lieber Rezo, wir hätten noch viel mehr zu erwidern, haben aber erkannt, dass es sinnlos ist. Du bist offensichtlich bereit, jede unserer Aussagen aus dem Kontext zu reißen oder im Sinn zu verdrehen, bis sie in deinen Feldzug gegen uns und weitere Zeitungen passen, die dich kritisiert haben. Also wozu dann überhaupt argumentieren? Wenn es so läuft, sind wir raus. Denn so gewinnt nur der, der bereitwillig und geschickt die Wahrheit manipuliert – und diese Trophäe überlassen wir gerne dir.

Klingt, als säßen in der Redaktion ein paar beleidigte Leberwürste. Da ist es dann nur konsequent, wenn man auch gleich die Kommentarfunktion abgeschaltet hat und nicht einmal den eigenen Lesern die Chance gibt, sich zu äußern. Das sind nämlich oft kluge Köpfe und daher gar nicht so bereitwillig, der FAZ bei ihrer Beurteilung von Rezo zu folgen.

Es grüßt herzlich

Ihr JL7

 

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Seehofer und die Pressefreiheit

Werte Leserinnen und Leser,

kennen Sie Frau Hengameh Yaghoobifarah? Ich lese die taz nicht, bei der die Dame arbeitet und ab und an sehr zugespitzte Artikel verfasst. In der vergangenen Woche hat sie es mit den Spitzen wohl etwas übertrieben. In einem Satire-Artikel hat sie ihren Lesern dargelegt, was denn die Polizsiten täten, wenn die Polizei aufgelöst würde. Und sie hatte auch gleich einen kontroversen Vorschlag: die Müllkippe. Viele ihrer Leser, besonders die Rechtskonservativen, erinnerten sich dabei sicher an Alexander Gauland („Wir werden [die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz] in Anatolien entsorgen“). Dessen Ausspruch war seinerzeit „noch vom Recht auf freie Meinungsäußerung“ gedeckt, wie die Staatsanwaltschaft Mühlhausen nach der Einstellung des Verfahrens gegen ihn mitteilte.

Diesmal sollten also Nägel mit Köpfen gemacht werden. Rainer Wendt, seines Zeichens glühender Befürworter des starken Polizeistaats und zudem der Unterschlagung von Staatsgeldern überführt, aber trotzdem weiterhin Chef der Deutschen Polozeigewerkschaft), erstattete sogleich Anzeige und erklärte:

Wie hasserfüllt, degeneriert und voller Gewaltbereitschaft muss man eigentlich sein, um solche widerlichen Gedanken aufzuschreiben?

Wo Wendt die Gewaltbereitschaft sah, bleibt sein Geheimnis – allerdings findet das Wort in fast allen seiner Sätze irgendwo seinen Platz. Man sollte es nicht überbewerten. Und echte Gegner sind in den Augen von Hütern der reinen Lehre ja immer irgendwie „degeneriert“ – man kennt das ja noch aus den 12tausend Jahren.

Fünf Tage später war die Sache bis zu Seehofers Modelleisenbahn vorgedrungen, mit der er, wie man hört, gerne am Wochenende viel Zeit verbringt. Und da platzte dem alten Mann am Sonntagabend der Kragen. Schließlich ist er Bundesinnenminister und hat mit der Bundespolizei auch eine kleinere Gruppe von Polizisten unter seiner Fuchtel. Auf den Müll? Unverschämtheit. Da muss man was machen.

Und so nahm das Unheil seinen Lauf. Seehofer äußerte sich öffentlich, er werde in seiner Eigenschaft als Minister Strafanzeige gegen Frau Hengameh Yaghoobifarah erstatten wegen Volksverhetzung. Spätabends am Sonntag erschienen in den Online-Zeitungen die ersten Schlagzeilen. Und wieder einmal hatten die Rechtskonservativen Oberwasser: „Recht so!“ (oder ähnlich) hieß es allenthalben, und gleich war auch die Linie gezogen vom Generalverdacht wegen latenten Rassismus über den Müll der taz bis hin zu den Stuttgarter Marodeuren.

Kommen wir nun zur Pressefreiheit, die „ein hohes Gut“ sei, wie immer wieder betont wird, wenn man den Satz anschließend mit einem „aber“ fortsetzen möchte. So auch Seehofer, dessen Aufgabe als Innenminister auch die Einhaltung der Verfassung ist. (Man fragt sich in diesem Zusammenhang unweigerlich, warum die meisten vergassungswidrigen Gesetze aus dem BMI kommen, aber das ist eine andere Geschichte; sie wird ein andermal erzählt werden). Denn Seehofer erklärte uns:

„Eine Enthemmung der Worte führt unweigerlich zu einer Enthemmung der Taten und zu Gewaltexzessen, genauso, wie wir es jetzt in Stuttgart gesehen haben“

Unweigerlich. Natürlich. Man könnte es auch anders formulieren:

„Eine Enthemmung der Worte führt unweigerlich zu einer Enthemmung der Taten und zu Gewaltexzessen, genauso, wie wir es jetzt in Halle gesehen haben“

Unterschied bemerkt? In Halle hat kein Mensch, sondern eine widerborstige Eichentür verhindert, dass der Rechtsextremist Stephan Balliet ein Massaker an unseren Mitbürgern jüdischen Glaubens anrichten konnte. Dieser Mann war enthemmt dank des Geschreibsels seiner Nazi-Freunde, die sich nach Herodes-Art danach sofort die Hände in Unschuld wuschen. Hatte man damals von Seehofer Ähnliches gehört?

Zum Glück hat auch Seehofer noch eine höhere Instanz, nämlich die Bundeskanzlerin. Im Gegensatz zu ihm hat sie den riesigen Fettnapf sofort gesehen und ihn zum Rapport bestellt. Inzwischen heißt es aus dem BMI nur noch, man denke darüber nach, müsse sich noch abstimmen. Entschlussbereit klingt das nicht – eher nach Rückzug.

Man stelle es sich einmal vor: eine Staatsanwaltschaft ermittelt und kommt dann zum Schluss, dass schon die Meinungsfreiheit die Aussage von Frau Hengameh Yaghoobifarah deckt – und stellt das Verfahren ein. Offenbar hat Seehofer an diesen – wahrscheinlichen – Ausgang des Verfahrens gar nicht gedacht. Wir hingegen denken an die Verfahren zu „Soldaten sind Mörder“ und „ACAB“ – auch die gingen zugunsten der Beklagten aus.

Ein Innenminister aber, der den zweiten Schritt nicht einmal bedenkt, ehe er den ersten tut, ist seines Amtes nicht mehr gewachsen. OK – wir haben das über Seehofer schon 2018 gesagt, als er auf Teufel komm raus ein radikales Asylrecht umsetzen wollte und dabei beinahe die Koaltion hätte platzen lassen. Oder als er Hans-Georg Maaßen zum kürzesten Staatssekretär aller Zeiten machte. Das ist also keine neue Erkenntnis.

Weil erst im September 2021 Wahlen sind und Seehofer keinesfalls vor Merkel aus Berlin verschwinden wird, dürfen wir uns also noch auf ein paar weitere Kapriolen aus seinem Hause freuen. Ich schaue mir jetzt noch einmal ein kurzes Video aus 2013 an, als Frau Merkel ihrem Generalsekretär wie einem Kind auf offener Bühne die Deutschlandflagge wegnahm und -ganz wie früher meine eigene Mutter – den Kopf schüttelte. Und diesmal stelle ich mir einfach vor, Gröhe wäre Seehofer. So ungefähr muss das heute morgen ausgesehen haben.

Es grüßt herzlich

JL7

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Von Schuld und Auslösern

Werte Leserinnen und Leser,

stellen Sie sich einmal folgende Situation vor: 200-300 junge Leute verschiedenen Geschlechts und verschiedener Ethnie feiern ausgelassen in Stuttgart im Schlosspark den Samstagabend. Mangels offener Clubs, die wegen Sars-CoV-2 geschlossen sind, tun sie das draußen, mit Alkohol, Musik aus den unterschiedlichsten Quellen und dem einen oder anderen Joint. Dann ist da dieser Siebzehnjährige, der sich seinen Joint ein bisschen zu offensichtlich anzündet. Die Polizisten sehen das, verwarnen den Jungen kurz mündlich und gehen weiter. Die Nacht endet, und am nächsten Morgen erinnert nur der typische juventile Müll aus Dosen, Flaschen und leeren Chipstüten daran, dass es in der Nacht wohl recht lustig war.

Es hätte so laufen können. Es lief aber nicht so. Es lief so: Die Polizisten unterzogen den Siebzehnjährigen einer „Drogenkontrolle“, wie es im Polizeibericht stand, und das war der Auslöser für eine Gewaltorgie in der Innenstadt, nach der etwa 40 Geschäftsschaufenster zerstört und die Auslagen an einigen Stellen auch geplündert waren. Es wird zudem von 19 verletzten Polizisten berichtet und 25 Festgenommenen. Zudem sind zahlreiche Videos des Geschehens aufgenommen und online gepostet worden.

Selbstverständlich müssen die Täter nun mit angemessener Bestrafung rechnen, denn die Taten haben sie, sobald sie ihnen nachgewiesen sind, unbestreitbar begangen – als da wären Landfriedensbruch, Sachbeschädigung, Diebstaht, Einbruch, wahrscheinlich auch Körperverletzung in manchen Fällen. Dank der Videos wird der Nachweis vermutlich einfach sein.

Aber musste das sein? Es heißt auch, die Polizei wisse seit Wochen von gewaltbereiten jungen Leuten. Kann man da nicht einmal fünfe gerade sein lassen – wegen eines Joints? Natürlich ist es das gute Recht der Polizisten, Drogenkontrollen durchzuführen. Aber in ein Wespennest stechen, das ist selbst dann keine gute Idee, wenn man per Gesetz jedes Recht dazu hat. Eskalation heißt das, und grundsätzlich sollte die Polizei solche Situationen vermeiden.

Ein paar Worte zur Jointfrage: Ja, Cannabis ist nach wie vor in Deutschland im Betäubungsmittelgesetz aufgeführt und verboten. Eigenbedarf wird aber seitens der Justiz toleriert, wenn auch von Bundesland zu Bundesland unterschiedliche Mengen. Grundsätzlich muss die Polizei daher jedem Fall nachgehen – aber sie tut es an so vielen Stellen nicht. Warum ausgerechnet in einer Samstagnacht bei einer Horde aufgeregter junger Leute?

Man darf bezweifeln, dass es hierfür eine zentrale Anweisung gab. Die Stuttgarter Polizei hat seit 2010 und dem illegalen Wasserwerfereinsatz gegen die eigene Bevölkerung bei den S21-Protesten dazugelernt. Eine zusätzliche Deeskalierungsschulung würde ihr aber sicher gut tun. Manche wissen allerdings auch aus Erfahrung, was man tut und was man besser lässt – nur war von diesen wohl keiner zugegen.

Und nun zu Euch, Ihr Rechtskonservativen, die Ihr durch dieses Ereignis bereits den Rechtsstaat bedroht seht: Es handelt sich um schlichte Gewalt gegen Sachen. Es wurde kein Parlamentsgebäude gestürmt, kein Bürgermeister entmachtet, kein Politiker auf seiner Terrasse oder sonstwo erschossen und auch niemand persönlich bedroht. Es hat auch niemand hinterhältig auf der Lauer gelegen, um Polizisten zu verletzen. Selbst der Polizeibericht spricht davon, dass keine politischen Motive im Spiel waren.

Wenn Ihr, liebe Rechtskonservativen, eine Bedrohung des Rechtsstaats sehen wollt, dann schaut auf jene, die von einem Polizeifax aus Anwälte mit dem Tode bedrohen und die Faxe mit „NSU 2.0“ unterschreiben. Schaut auf die Reichsbürger, die Ihr so gerne verniedlicht – die erkennen unseren Staat nicht einmal an. Schaut auf jene, die die Corona-Proteste nutzen, um Aufruhr zu verbreiten und ein angebliches Recht auf Widerstand nach Artikel 20 GG für sich reklamieren. Oder jene, die wieder „Deutschland den Deutschen“ rufen und es bloß anders formulieren, damit es nicht so hässlich nach Nazi klingt. Diese Leute sind für unseren Staat gefährlich. 25 junge Leute, die Sachschaden anrichten und danach verurteilt werden, sind es nicht.

Es grüßt herzlich

JL7

 

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Ein paar Worte zum „Wieder da!“

Werte Leserinnen und Leser,

die Wahl Trumps und der Brexit – beides Ereignisse, gegen die ich gewettet hätte – haben mich eine Weile lang meiner Stimme beraubt. Man kann nicht satirisch-ironisch schreiben, wenn die Wirklichkeit überhaupt gar nicht mehr zum Lachen ist. Aber es kommt die Zeit, sich mit der Realität zu arrangieren.

Inzwischen ist der Brexit „done“, es geht nur noch um Verträge, die keine Seite wirklich will. Und Trump steht zur Wiederwahl, aber offenbar sind seine Chancen diesmal nicht mehr so gut wie 2016. Daass ausgerechnet jene, denen die Bibel und die zehn Gebote heilig sind, nach wie vor einem Lügner und Betrüger hinterherlaufen, scheint eher eine Bestätigung, dass das Christentum es nie wirklich ernst meinte mit dem eigenen Anspruch, ein gottgefälliges Leben zu führen. Und da brauchen wir jetzt nicht über sexualisierte Gewalt gegen Kinder zu sprechen, die bei Pastoren, Pfarrern und Bischöfen zu häufig anzutreffen war, um sie noch als „Einzelfall“ darzustellen.

„Einzelfall“ – das ist so ein Wort, über das noch zu schreiben wäre. Einzelfälle sind immer jene Situationen, die nicht vorkommen sollen, aber es dann doch tun. Rechtsextreme Polizisten sind beispielsweise Einzefälle, Rassismus bei der Polizei sowieso und ungerechtfertigte Polizeigewalt gegen Bürger schon per definitionem. Keine Einzelfälle hingegen sind immer jene, die nicht ins eigene Weltbild passen, denen man aber schon immer mal eins auswischen wollte. Wobei ich hier nicht die Polizei meine, sondern ganz allgemein argumentiere. Das, was heuer in Stuttgart passiert ist, ist beispielsweise im Blicke dieser Leute kein „Einzelfall“, sondern ein Beispiel für die verrohte, unerzogene Jugend, die nur Nintendo spielt und saufen kann und Drogen nimmt. In dieser und anderer Form zu lesen in den Foren der FAZ und inzwischen auch in der Zeit – der moralische Konservativismus der 60er ist wieder auf dem Vormarsch!

Zum Einzelfall gehört als Gegenstück der „Generalverdacht“. Wenn man selbst als Gruppe einer latenten unangenehmen Eigenschaft bezichtigt wird, ruft man „Generalverdacht geht gar nicht!“. Möchte man hingegen andere unter Generalverdacht stellen, ruft man beispielsweise nach der Vorratsdatenspeicherung. Oder man ruft, wie der deutsche Landdkreistag, nach einer Corona-App mit zentraler Speicherung aller persönlichen Daten samt der GPS-genauen Bewegungsdaten (die zum Glück in dieser Form nicht umgesetzt wurde). Oder man ruft „Corona-Leugner!“, sobald jemand eine der aktuellen Maßnahmen infrage stellt. Dabei ist dieses Feld durch echte Idioten bereits gut besetzt – und das sind nun leider auch keine Einzelfälle mehr.

Soviel zum Wiedereinstieg. Es grüßt herzlich

JL7

 

 

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