Recht und Ordnung und null Toleranz

Sehr geehrte Frau Merkel,

Ich staune auch nach dem Rücktritt des Herrn zu Guttenberg noch, wie dessen plagiierter Doktortitel von führenden Politikern als Bagatelle dargestellt wird, als ein Kavaliersdelikt, etwas, das jeder mal macht.

„Man darf nicht sagen, ach das ist doch nicht so schlimm. Hier ein bisschen was weggeschmissen und dort einen angerempelt, hier mal auf dem Bürgersteig gefahren und dort mal in der dritten Reihe geparkt, immer so unter dem Motto “Ist alles nicht so schlimm”. Das ist alles nicht nach dem Gesetz, und wer einmal Gesetzesübertretungen duldet, der kann anschließend nicht mehr begründen, warum es irgendwann schlimm wird und irgendwann nicht so schlimm ist. Und deshalb: Null Toleranz!“

Diese Aussagen habe ich Ihrem Wahlkampfauftritt in Berlin-Steglitz im Jahr 2006 entnommen. Inzwischen scheinen Sie eine andere Sichtweise zu vertreten, denn heute können wir lesen:

Ich habe abgewogen zwischen Fehlern und Leistungen, und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass Karl-Theodor zu Guttenberg, der ein hochbegabter Politiker ist, sich als Verteidigungsminister bewährt hatte.

Aber wie schon unser erster Bundeskanzler sagte: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Nichts hindert mich, weiser zu werden“. Die Weisheit Ihres bisherigen Auftretens im Fall Guttenberg ist mir jedoch bisher verborgen geblieben. Aber auch mich hindert natürlich nichts, weiser zu werden.

Herzlichst, Ihr JeanLuc7

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Klare Verhältnisse, Herr Friedrich!

Werter Herr Friedrich,

Zunächst einmal meinen Glückwunsch zu Ihrer Ernennung zum Bundesinnenminister! Wie ich der Presse entnehmen konnte, haben Sie sogleich ein wenig aufgeräumt und erklärt,

„dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt.“

Recht so. Denn einmal ehrlich: es war ja kaum aushalten mit de Maiziere als weichgespültem Innenminister, der so gar nicht stahlhart in der Tradition der beiden Vorgänger daherkam und Frau Leutheusser-Schnarrenberger nicht die Spur einer Chance gab, sich als die liberale Vorkämpferin zu präsentieren, die sie gerne sein möchte. Jetzt sind die Fronten endlich wieder klar: hier die bürgerlich-nationale CSU, dort die liberale FDP. Nur einen Tag haben Sie gebraucht, schon sind die Fronten geklärt.

Ich habe auch bereits das eine oder andere ältere Video gesehen, in denen Sie Ihre Position zu den ebenfalls heftig diskutierten Themen „Internetsperren“ und „Vorratsdatenspeicherung“ dargestellt haben. Nach ein paar Monaten relativer Ruhe steht uns also wieder ein spannendes Jahr ins Haus. Es wird sich wieder lohnen, für die Freiheitsrechte auf die Straße zu gehen – und dabei hatte ich  die Piratenpartei schon völlig abgeschrieben.

Andererseits: Ich bin froh, dass Joachim Herrmann in Bayern geblieben ist. Auch unser neuer Innenminister wird schon noch begreifen, dass Muslime und Islamisten nicht das gleiche sind. Letztere gehören nicht zum demokratischen, freiheitlichen Deutschland – genauso wenig wie alle anderen Fanatiker, ganz gleich ob sie religiös oder politisch motiviert sind.

Herzlichst, Ihr JeanLuc7

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Ein Fall für die EU-Kommission

Werte Mitglieder der EU-Kommission,
(ausgenommen László Andor, ungarischer Kommissar für Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit)

erinnern wir uns kurz an die wichtige Rolle, die das Land Ungarn beim Fall des Eisernen Vorhangs spielte:  Im Juni 1989 durchtrennten der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock in einer symbolischen Aktion den Stacheldraht an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn. DDR-Bürger, die in Ungarn Urlaub machten, nutzten damals die Gelegenheit, über Österreich nach Westdeutschland zu gelangen. Ungarn hatte durch das entschlossene Auftreten seiner Politiker entscheidenden Anteil an der politischen Wende von 1989 in den ehemaligen Ostblockstaaten und damit auch an der friedlichen Revolution in der DDR, die den Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands ebnete.

Mit der demokratischen Vorreiterrolle ist es nun vorbei. Dieser Tage hat die neue, rechtsgerichtete ungarische Regierung mit ihrer Zweidrittelmehrheit im Parlament begonnen, die freiheitliche Demokratie zu demontieren, um die angeblich chaotische Nachwende-Demokratie durch ein „System der nationalen Zusammenarbeit“ zu ersetzen. Nachdem bereits die Kontrollbefugnis des Verfassungsgerichts eingeschränkt wurde, hat die ungarische Regierung jetzt durch neue Gesetze und Verfassungsänderungen die Pressefreiheit abgeschafft.

Das neue Gesetz bietet der Regierung die Möglichkeit, nach eigenem Belieben alle Medien und das Internet durch die neu geschaffenen Medienbehörde NMHH zu kontrollieren. Sollte diese künftig in der Berichterstattung etwas entdecken, das sie als Verstoß gegen allgemeines Interesse oder gegen öffentliche Sitten betrachtet, kann die Behörde Geldstrafen verhängen.

Die Behörde verfügt dabei über sehr großen Ermessensspielraum. Denn wie in Diktaturen üblich, ist nicht genau definiert, was als „allgemeines Interesse“ gilt. Die leitenden Mitarbeiter der Behörde sind ausnahmslos Mitglieder der regierenden Fidesz-Partie, die Vorsitzende der Behörde wurde vom Regierungschef auf neun Jahre ernannt. Mit der Zweidrittelmehrheit wurde die Macht der neuen Behörde sogar in der Verfassung verankert. Es drohen drastische Strafen – bei Print- und Onlinemedien können es umgerechnet bis zu 90.000 Euro sein, bei Rundfunksendern bis zu 700.000, zahlbar in bar und sofort. Richtervorbehalte sind nicht vorgesehen.

Die ungarische Regierung nimmt sogar für sich in Anspruch, dass die neuen Gesetze in irgendeiner Form auch in anderen Staaten der EU bereits im Einsatz oder in Vorbereitung sind und scheut sich nicht, die EU-Pläne zur Verhinderung von Kindesmissbrauch (EU-Internetsperren) und die EU-Richtlinie zur Einführung der Vorratsdatenspeicherung als Grundlage ihres Handelns zu nennen. Besser kann man die Missbrauchsmöglichkeiten solcher Richtlinien durch undemokratische Regierungen nicht beweisen.

Die Freiheit des Einzelnen – dazu gehört insbesondere auch die Pressefreiheit –  ist ein Recht, das wir uns hart erkämpfen mussten, und wir wissen, dass dieser Kampf immer wieder geführt werden muss. In Ungarn scheint er fürs erste verloren. Aber wir dürfen nicht dulden, dass ein diktatorisch geführtes Land auch noch die Ratspräsidentschaft der EU übernimmt – turnusmäßig fällt diese Ehre Ungarn ab Januar 2011 für ein halbes Jahr zu.

Werte EU-Kommission, wenn die EU-Verträge ernst genommen werden sollen, dann sind hier Maßnahmen gegen die ungarische Regierung zu ergreifen. Wenn Ungarn sich zu einer Diktatur wandeln möchte, hat es in der EU nichts verloren. Handeln Sie – auch wenn es diesmal nicht ums Geld geht.

Herzlichst,

Ihr JeanLuc7

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Übergangsbrüderle

Sehr geehrter Herr Brüderle,

Erinnern Sie sich noch an Konstantin Tschernenko? Geboren im Jahre 1911, starb er 1985 als Staatsoberhaupt der Sowjetunion. Tschernenko gilt heute als der klassische Typ des übergangenen Übergangschefs. Denn nach dem Tode des großen Vorsitzenden Breschnew 1982 fiel ihm zunächst die undankbare Aufgabe zu, seinen Rivalen Andropow als neuen Vorsitzenden der Partei zu verkünden. Erst nach dessen Tod wurde er für wenige Monate Chef  der KPDSU und der Sowjetunion, weil man sich zu einem radikalen Schritt noch nicht durchringen konnte – zu einer Zeit, da alle Welt bereits mit dem jüngeren Gorbatschow gerechnet hatte. Ab 1985 führte dann Gorbatschow Perestroika und Glasnost ein – mit dem bekannten Ergebnis. Tschernenko ist heute nur noch eine Fußnote der Geschichte.

Der derzeit bekannteste Übergangsvorsitzende heißt Joseph Aloisius Ratzinger, arbeitet unter dem Künstlernamen Benedikt XVI und bekleidet derzeit die Position des Papstes, also des Oberhauptes der katholischen Kirche. Wie der sowjetische Parteichef ist er de facto bis ans Lebensende gewählt. Und hier wie da verkörpert er das Alte, Konservative und Restaurative. Wir werden sehen, ob der nächste Papst die kirchliche Form von Glasnost einführen wird und ob Herr Ratzinger uns als Fußnote der katholischen Kirche in Erinnerung bleibt.

Angesichts dieser Vorbilder kann ich Ihnen nur raten: Widerstehen Sie! Werden Sie nicht Vorsitzender! Denn wer will schon gerne als Fußnote der FDP enden?

Herzlichst

Ihr JeanLuc7

P.S. Was macht eigentlich heute Wolfgang Gerhardt?

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Die Reste für den Staat

Liebe Damen und Herren von der schwäbischen FDP,

mit Interesse habe ich Ihren Brief an Ihren Parteivorsitzenden, den amtierenden Außenminister Westerwelle, gelesen. Da schreiben Sie:

Helfen Sie der Partei unter Zurückstellung persönlicher Interessen und jeder ‚Bunkermentalität‘ aus dem Tief.

Das gefällt mir, denn Bunkermentalität ist noch nie hilfreich gewesen. Ihr weiterer Vorschlag lautet aber, Westerwelle solle spätestens beim Dreikönigstreffen der FDP ankündigen, künftig nicht mehr für den Parteivorsitz kandidieren zu wollen. Stattdessen solle er seine gesamte Arbeitskraft lieber dem Außenministerium und der Vizekanzlerschaft widmen.

Das verrät nun ein sehr seltsames Bild vom Staatsverständnis der baden-württembergischen FDP. Wenn ich Ihre Worte richtig verstehe, raten Sie Ihrem überforderten Chef, die wichtige Aufgabe des Parteivorsitzes lieber anderen zu überlassen, die das besser können. Für die eher einfachen Ämter des Vizekanzlers und Außenministers halten Sie Westerwelle jedoch nach wie vor für tragbar.

Ich hoffe, Ihnen ist bewusst, dass Deutschland zunächst von einer Regierung und dann von Parteien regiert wird. Die logische Konsequenz daraus wäre, Westerwelle vom Außenamt abzuziehen und ihn seinen Job als Parteivorsitzender machen zu lassen, wo er innere Opposition für die Koalition spielen könnte. Das wäre genau der Job, den er bereits seit elf Jahren erfolgreich beherrscht. Vielleicht zeigt er dabei zugleich Horst Seehofer, wie man diese Rolle richtig ausfüllt?

Liebe Schwaben, bitte überlegen Sie sich Ihren Vorschlag noch einmal und wenden Sie Schaden vom Land ab – die FDP kommt erst an zweiter Stelle.

Herzlichst,

Ihr JeanLuc7

Nachtrag: Während der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, in der ZEIT Herrn Westerwelle ebenfalls zu einem Rückzug vom Außenamt rät, attestiert ihm der Vizepräsident des niedersächsischen Landtags, Hans-Werner Schwarz,  er gebe „als Außenminister eine gute Figur ab“. Eine Wahrnehmungsstörung?

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